Drei Fragen an Anne Marie Pircher zu ihrem Band „Über Erde“, Dolomiten 2016

 

Sie sind ja schon am Beginn Ihrer literarischen Produktion mit Gedichten an die Öffentlichkeit getreten. Ist der Gedichtband „Über Erde“ eine Rückkehr zu den Wurzeln Ihres literarischen Schreibens oder eine Station auf dem Weg zu weiteren Genres des literarischen Schreibens?

Einerseits ist es eine Rückkehr zu dem, womit ich damals begonnen habe. Ich mag die Lyrik und finde, dass sie in unserer schnelllebigen Zeit einen ganz besonderen Platz und Wert verdient. Auch beschäftigen mich oft Bilder, die ich in mir trage oder die von außen auf mich einwirken und habe dann das Bedürfnis, sie in eine lyrische Form umzusetzen. Vor allem dann, wenn sie von einem tieferen Empfinden begleitet sind. Andererseits ist es auch eine Station in meiner literarischen Entwicklung. Ich arbeite an mir und meinen Ausdrucksformen. Für weitere Genres des literarischen Schreibens bin ich durchaus offen.

 

Wann sind die Gedichte in Ihrem neuen Band „Über Erde“ entstanden?

Die Ideen, die Inspirationen zu den Gedichten entstanden im Laufe mehrerer Jahre als Notizen und Sprachbilder oder Fotografien. Die Ausarbeitung dieser Fragmente bzw. die endgültige literarische Fassung entstand dann in den meisten Fällen im Laufe der letzten beiden Jahre. Nur zwei, drei Gedichte habe ich aus früherer Zeit übernommen. 

Vor allem im ersten Zyklus „So weit reicht der Atem“ lieferten meine Reisen die Inspirationsquelle. Da gab es Reisen nach Andalusien, ins Baltikum, nach Polen, Sizilien oder Bosnien-Herzegowina. Auch Städte wie Venedig, Leipzig, Berlin, Wien oder Paris haben mich beschäftigt.

 

Was hat es mit dem Titel „Über Erde“ auf sich?

Der Titel „Über Erde“ entstand aus dem Bild der Schildkröte, die aus dem Winterschlaf unter Erde jedes Jahr im Frühjahr wiedererwachte und ins Leben über Erde zurückkehrte. Diese Art Wiedergeburt war mir über die Jahre Halt und Hoffnung und hat mich darin bestärkt, während langer Durststrecken, die das Leben oft mit sich bringt, durchzuhalten. Es war für mich auch im Grunde ein Bild meiner eigenen Kreativität. Man taucht als schöpferischer Mensch immer mal wieder eine Weile unter und verarbeitet im Stillen, im Verborgenen die Dinge, die einen beschäftigen, um dann später mit dem Ergebnis ans Licht, an die Oberfläche zurückzukehren. 

 

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Anne Marie Pircher im Gespräch im Katrin Klotz, Kulturelemente 2015

 

Im Herbst ist dein Erzählband "Zu den Linien" erschienen, den neun Erzählungen ist ein Zitat der Schriftstellerin Erika Burkart: Wir sehn, was wir wissen. Wir wissen zu spät, was wir sehn vorangestellt. Und auch deine Figuren in den Texten sind genaue Beobachter. Sie beobachten die kleinen Dinge im großen Ganzen, sie beobachten innere und äußere Seelenzustände. Wie schafft es die Autorin Anne Marie Pircher so auf das kleinste Detail bedacht zu erzählen?

Ich erinnere mich, dass ich bereits als Kind in der Grundschule irgendwo saß oder stand und beobachtete. Das ergab sich zum einen aufgrund einer gewissen Schüchternheit, zum anderen war ich immer schon sehr neugierig darauf, wie andere agieren und leben. Im Laufe der Jahre hat sich dieses Beobachten entwickelt und ist während der gesamten Schulzeit in meine Aufsätze eingeflossen. Ich habe sehr feine Antennen, auch und gerade für die leisen Zwischentöne, für das Nicht-Offensichtliche, für kleinste Details. Diese Art zu sehen muss sich aus einer Notwendigkeit entwickelt haben, aus einer Art Unfreiheit, die mich zwang, meine Neugierde und Fantasie an dem Wenigen, was war, zu erproben. 

 

Orte und Landschaften sind in deinen Erzählungen oft ein wichtiger Bezugspunkt für die Figuren, fungieren auch als Dialogpartner. Wie gelingt es dir von diesen oft fremden Landschaften zu erzählen? Reist du sehr viel?

Ich verreise ab und zu, ja, aber meine Möglichkeiten hierfür sind begrenzt. Meist sind es eher kleine Reisen, die mich aber dennoch inspirieren. Ich kann nur von Orten erzählen, die ich auch besucht habe. Noch besser ist es, wenn sie mich seelisch berühren, also eine Empfindung oder eine Erinnerung in mir auslösen. Das Schöne am Reisen ist für mich auch, dass man ungehindert und frei beobachten kann, weil einen niemand kennt. Vor allem Städte finde ich sehr inspirierend, ich liebe das bunte Treiben dort als Kontrast zu meinem Leben im Dorf. Fremde Landschaften ermöglichen mir oft einen ungewohnten Zugang zu mir selbst und zu den anderen.

 

Neben dem Reisen spielen auch literarische Vorbilder bzw. die eigene Lesebiographie für das Schreiben eine wichtige Rolle. Fühlst du dich einer literarischen Tradition verpflichtet?

Nein, nicht wirklich, aber es hat doch so etwas wie eine Prägung gegeben. Ingeborg Bachmann und Franz Kafka haben mich beispielsweise an der Oberschule sehr früh fasziniert. Später kamen noch andere hinzu, Milan Kundera oder Peter Handke, um nur zwei zu nennen. Dann gab es eine lange Zeit, in der ich aufgrund der Umstände kaum zum Lesen gekommen bin. Irgendwann habe ich selbst mit dem Schreiben begonnen und wollte vieles nachholen. In der Zeit habe ich mich dann vor allem auch zeitgenössischen Frauen zugewandt: Ruth Klüger, Judith Hermann, Elfriede Jelinek oder Herta Müller, deren Sprache mich ungemein beeindruckt. 

 

Betrachtet man dein literarisches Schaffen, gewinnt man den Eindruck, dass die Erzählung deine bevorzugte Textform sei. Kannst du das bestätigen?

Ich habe mit der Lyrik begonnen, was für mich konsequent war, weil ich beim Schreiben oft von einem Bild ausgehe oder in Bildern denke. Ich kann mit wenigen Worten relativ viel erzählen, wenn man genau hinhört. Allerdings habe ich mich dann bald der Prosa zugewandt, weil sich dafür einfach leichter ein Verlag findet. Die Kurzgeschichte bzw. Erzählung liegt mir diesbezüglich momentan am besten, weil man auch damit noch sehr verdichtet schreiben kann.  Ich mag das Unausgesprochene zwischen den Zeilen, die Andeutungen. Ich möchte Platz lassen für Assoziationen und die Fantasie des Lesers. Ob ich den langen Atem für einen Roman habe, wird sich zeigen. Auch das Theater oder Hörspiel mit den damit verbundenen Dialogen würde mich reizen. 

 

Wie lebendig schätzt du die derzeitige literarische Szene Südtirols ein?

 

Ich finde, in Südtirol hat sich diesbezüglich in den letzten fünfzehn Jahren so einiges getan. Es ist eine sehr lebendige literarische Szene am Werk, die selbstbewusst auftritt. Der Poetry Slam hat sich auch hier zu einer viel beachteten Gattung entwickelt. Daneben gibt es klassische Literaturwettbewerbe und Lesungen an den verschiedensten Orten. Dennoch muss gesagt werden, dass die Situation für jemanden, der hierzulande schreibt und in einem regionalen Kleinverlag publiziert, eher begrenzt bleibt. Ich habe oft das Gefühl, es gibt ein großes Getöse ringsum, aber als Schreibende/r bleibt man letztlich sehr allein. Nach der Erstpräsentation fehlen oft Einladungen zu Lesungen. Hier wären vor allem auch die kleineren Bibliotheken und die Bildungsausschüsse am Land gefragt. Sie hätten die Möglichkeit, Literatur in die Peripherie zu tragen. Zum Glück gibt es einige wenige, die das tatsächlich mit beherztem Engagement tun. 

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„Was treibt die Menschen an?“ 

Die Schriftstellerin Anne Marie Pircher im Gespräch mit Christine Kofler, VISSIDARTE 2015

 

Sie leben auf einem Bauernhof in Kuens. Wo und wie arbeiten Sie?

Ich habe einen großen Raum zum Schreiben, einen, wo ich die Tür auch mal abschließen kann. Ich schreibe nicht jeden Tag. Oft gibt es Monate, in denen ich neben den Alltagsverpflichtungen nur beobachte oder das Schreiben auch mal ganz vergesse. Diese Phasen wechseln dann mit intensiven Schreibphasen ab. 

 

Eva Maria Stöckler vom Literaturhaus Wien schreibt in einer Rezension zu Ihrem neuen Erzählband „Zu den Linien“: „Wesentliches Moment in Pirchers Erzählungen ist die Auseinandersetzung mit Orten, Landschaften, Heimaten.“  Schreiben Sie eine Poetik des Ortes? 

Oft inspirieren mich Orte, die ich besuche. Nach einem Wienbesuch entstand die Erzählung „Zu den Linien“. Auch Meran kommt in meinem jüngsten Buch, das neun Erzählungen versammelt, zu Ehren. In „Heimliche Geliebte“ personifiziere ich die Stadt. Ich bin in Schenna aufgewachsen, doch immer schon zog es mich nach Meran. Mich interessiert, was Landschaften aus Menschen machen. Du fährst irgendwo anders hin und plötzlich kannst du jemand anderes sein. Du bist jemand anderes. 

 

Welche Motive oder Themen greifen Sie in ihren Erzählungen und Gedichten sonst noch auf?

Besonders spannend finde ich Menschen und  ihre Beziehungsgeflechte, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, Eltern und ihren Kindern. Was treibt die Menschen an? Warum handeln sie so und nicht anders? Viele meiner Figuren sind feine Psychogramme, oft sind es Frauen. Auch Erotik spielt in meinen Erzählungen eine Rolle.

 

In Ihrer Erzählung „Rosenquarz“ absolviert die Protagonistin Paula einen Studienaufenthalt in Kalifornien. Auch sie haben einige Zeit in Santa Barbara gelebt. Wie verhält sich ihr Werk zu ihrer Biographie? 

Ich schöpfe aus meiner Vergangenheit, bearbeite sie auch. Die Verdichtung von Erinnerung ist sicherlich zentral. 

 

Das Meer ist eine Sehnsuchtsmetapher. Ich lese es in Ihrem Gedicht „Nordlicht“ auch als eine Metapher der Hoffnung. Was bedeutet Meer für Sie?

Ja, für mich ist das Meer Weite, Freiheit, Sehnsucht. Schon immer hat mich das Meer angezogen, weniger die Berge. Die Berge gefallen mir dann, wenn ich auf den weiten Horizont blicke, wenn ich auf einem Berggipfel stehe. Eine Reise ins Baltikum hat mich zum Gedicht „Nordlicht“  inspiriert. In Estland ist das Meer ganz anders als im Mittelmeerraum, ursprünglicher.

 

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DOLOMITEN, Oktober 2014

Dolomiten: Ihre neun Erzählungen unter dem Titel „Zu den Linien“ sind Geschichten von Frauen, die durch den Erzähltext in verschiedene Lebensschicksale verwoben werden. Gibt es einen roten Faden, der diese Erzählungen zusammenhält?

Anne Marie Pircher: Es sind sehr unterschiedliche Texte, ich spiele gerne mit der Vielfalt, aber einen roten Faden gibt es dennoch. Es ist die Brüchigkeit der Beziehungen, der Sturz in den Biographien. Die einen zerbrechen daran, den anderen gelingt es, wenn auch auf schmalem Grat, weiterzugehen. 

Dolomiten: Sie verwenden in ihren Texten oft zauberhafte, ja zuweilen auch mythische Bilder und Metaphern, so in "Zu den Linien" die Metapher von der Milch, die ich lange nicht mehr getrunken habe. Sind dies in allen Texten wiederkehrende Momente sprachlicher Fixierung, die den Leser auf etwas aufmerksam machen wollen?

Anne Marie Pircher: Es gibt im Text „Zu den Linien“ eine ganze Reihe von kulinarischen Anspielungen. Das geschah eher unbewusst und hat mich am Ende selber überrascht. Ausgangspunkt war lediglich ein außergewöhnliches Bild in der Wiener U-Bahn. Diesem Bild bin ich so verfallen, dass es niedergeschrieben werden musste. Während des Schreibprozesses kommen dann die Assoziationen. Ich schöpfe tatsächlich sehr viel aus Bildern, aus Momenten des Alltags, aus Bruchstücken des Lebens. Die Milch ist wahrscheinlich so ein Ur-Bild, das ich in mir trage.

Dolomiten: In den Erzählungen "Still leben" und "Schwarz und weiß" finden sich die Protagonistinnen in einem Hotel und einer Klinik wieder und erinnern sich. Der Leser wird, ähnlich den Hauptfiguren dieser Erzählungen, ganz überraschend mit Erinnerungen im  Zeitraffer konfrontiert. Dies wiederholt sich in anderen Erzählungen öfter. Ist dies ein möglicher Weg, das Leben der Figuren plastisch auferstehen zu lassen oder steckt da etwas ganz anderes dahinter? 

Anne Marie Pircher: Meine literarische Stärke liegt derzeit in kürzeren Prosatexten bzw. in der Kurzgeschichte. Wie mit einer Kamera versuche ich, den Fokus auf das Wesentliche zu lenken. Oft habe ich dabei das Bedürfnis, die Protagonisten in ein großes Ganzes zu setzen, dann entstehen jene Stellen im Zeitraffer, von denen Sie sprechen. 

Dolomiten: In der Geschichte "Von Vogelscheuchen und anderen Gespenstern" ist es das Motiv der „Melancholie“, das vorherrscht und der Protagonistin Wörter aus Celans Todesfuge in den Kopf treibt. Fein verteilt treten zuweilen Anklänge und Zitate aus der literarischen Tradition auf. Sind sie ganz zufällig gestreut oder bewusste Chiffren dessen, woran sich die Protagonistin oder Autorin in dem Moment erinnert. 

Anne Marie Pircher: Manche Sätze, die man gelesen oder gehört hat, gehen einem oft nicht mehr aus dem Kopf. Ich trage in diesem Sinne einiges an Literatur mit mir herum. An dieser Stelle meines Textes geht es um eine jüdische Protagonistin, deren Haar in mir die Erinnerung an Paul Celans Gedicht geweckt hat. Die Erinnerung kam also eher zufällig, den Satz habe ich dann bewusst gesetzt.

Dolomiten: In "Musik" finden wir Sätze wie "Ich schloss die Augen und fiel in den rauschenden Wirbel des Bacchanale. Und in der peitschenden Gewalt des Schlusstanzes weinte ich, ohne es zu wissen." Daraus erahnt man Ihr sprachliches Talent, Situationen nicht im reinen Beschreiben wirken zu lassen, sondern sie zeigen, dass Sie, neben der Prosa, immer auch einen authentischen poetischen Zugang zu Ihren Texten suchen und finden. Welche Rolle spielt in Ihrem Leben die Musik?

Anne Marie Pircher: Musik begleitet mich durchs Leben, sie hat mir in vielen Stunden Trost, Ausdauer, Ruhe und Freude verschafft. Ich spüre sie in mir wie eine zweite Welt, in die man entfliehen kann. Manche sagen, meine Texte und meine Stimme hätten Musikalität. Ich suche tatsächlich beim Schreiben immer auch einen Rhythmus, eine Art Wellengang.

Dolomiten: In der Erzählung "Genau diesen Himmel" erzählen Sie aus Lissabon. Um derlei Details wie die Farbstruktur eines Himmels genau zu treffen, muss man Stadt und Land gut kennen. Ist es Imaginationskraft oder hat Lissabon einen reellen Hintergrund für Sie? 

Anne Marie Pircher: Ich kann, glaube ich, nur von Orten schreiben, die ich seelisch berührt habe oder die ich zumindest physisch erlebt habe. Lissabon ist so ein Ort, den ich aufgesucht habe und der mich glücklicherweise auch inspiriert hat.  

Dolomiten: Der Vergleich einer Stadt mit einer Heimliche(n) Geliebte(n), wie es in einer Erzählung des Bandes mit Meran geschieht, ist eine höchst originelle Möglichkeit, sich einer Stadt, die man sehr gut kennt, zu nähern. Was bedeutet Meran für Sie?

Anne Marie Pircher: Das ist eine sehr schwierige und persönliche Frage, die zu einem großen Teil in meinem Text beantwortet wird. Liest man „Heimliche Geliebte“ genauer, dann merkt man, dass es Liebe ist, eine naive Liebe, die ich für diese Stadt empfinde. 

 

Interview: Ferruccio Delle Cave, Dolomiten, 28.10.2014